In der Schweiz gibt es rund 240 Unternehmen, deren Aktien nicht an der SIX kotiert sind und stattdessen ausserbörslich gehandelt werden. Dieser Handel, auch als «Over-the-Counter» oder «OTC» bezeichnet, wird beispielsweise über die Berner Kantonalbank über www.otc-x.ch oder durch die Zürcher Privatbank Lienhardt & Partner abgewickelt.
Obwohl das OTC-Trading von vielen Anlegerinnen und Anlegern vernachlässigt wird, birgt dieser Markt durchaus Qualität und bietet Chancen. Gerade letzteres könnte jetzt der Fall sein. Denn der «Lienhardt & Partner Nebenwerte TR Index» verzeichnet dieses Jahr einen Verlust von 9 Prozent. Dieser Index umfasst die wertvollsten und liquidesten Titel im Schweizer OTC-Universum. Im Gegensatz dazu gewann der Swiss Performance Index (SPI), der nahezu alle kotierten schweizerischen Aktiengesellschaften abbildet, im gleichen Zeitraum 5 Prozent.
Die negative Entwicklung des LPZ Nebenwerte Index seit Jahresbeginn ist teilweise auf die operative Performance einzelner Indexmitglieder sowie auf den Verkauf grösserer Depotbestände zurückzuführen. «Sobald diese Bereinigung abgeschlossen ist, sollte der Markt eine Trendwende erfahren», sagt André Spillmann von Lienhardt & Partner Privatbank gegenüber cash.ch. Für geduldige Anleger könnte der aktuelle Zeitpunkt eine gute Gelegenheit zum Einstieg sein. Es ist jedoch zu beachten, dass dieses Segment einen Anlagehorizont von mindestens 3 Jahren erfordert.
Grosszügige Dividendenzahler und teilweise Bondersatz
Viele der OTC gehandelten Unternehmen sind grosszügige Dividendenzahler, wie die untenstehende Tabelle mit 32 ausgewählten Titeln zeigt. Diese ist nach absteigender Dividendenrendite sortiert. Die Privatbank Lienhardt & Partner hat die Daten cash.ch zur Verfügung gestellt.
Die Dividendenrendite der Basler Immobiliengesellschaft Welinvest liegt derzeit bei 25,5 Prozent, was darauf zurückzuführen ist, dass die Gesellschaft einen erheblichen Liegenschaftsbestand an die die Pax-Versicherung verkauft hat. Daher wird ein Teil der Dividende aus den Firmen-Vermögenswerten gezahlt. Da die Gesellschaft von der deutschen Industriellenfamilie von Finck kontrolliert wird, ist es schwierig, die zukünftige Entwicklung der Firma einzuschätzen. Die Jahreszahlen sollten demnächst veröffentlicht werden.
«Die Minderheitsaktionäre müssen sich fragen, ob Welinvest den Weg der Claretta Holding geht. Diese befand sich ebenfalls im Mehrheitsbesitz der Familie von Finck und wurde im Jahr 2021 liquidiert», schrieb das Portal schweizeraktien.net Ende 2022.
Bei den Centralschweizerischen Kraftwerken CKW ergibt sich die gute Platzierung aufgrund von Sonderdividenden. Die reguläre Dividende wurde von 6 auf 10 Franken erhöht, zusätzlich wurde eine Sonderdividende von 17 Franken pro Aktie ausgeschüttet. Durch den Verkauf von EWAenergieUri ist das Nettofinanzguthaben erheblich gestiegen. Für das laufende Jahr ist es derzeit schwierig, die genaue Höhe der Dividende abzuschätzen, aber es wird erwartet, dass sie mehr als 10 Franken pro Aktie betragen wird.
Nicht kotierte Aktien sind teilweise wie Bonds mit einer guten Rendite. Dies gilt insbesondere für Regionalbanken, wo zum Beispiel Anleger mit regionaler Verbundenheit ihr Geld regelrecht parken können. Die Acrevis Bank, Regiobank Solothurn oder Alpha Rheintal Bank bieten jährliche Ausschüttungen von bis zu 2,8 Prozent.
Auswahl der besten Dividendenzahler des Lienhardt & Partner Nebenwerte TR Index
Unternehmen |
Dividendenrendite |
Unternehmen |
Dividendenrendite |
|
Welinvest | 25,5 Prozent | Rapid Holding | 2,5 Prozent | |
Bobst Group | 7,4 Prozent | Weiss + Appetito | 2,5 Prozent | |
CKW | 7,2 Prozent | Bad Schinznach | 2,5 Prozent | |
Repower | 5,0 Prozent | Eniwa Holding | 2,3 Prozent | |
EW Jona Rapperswil | 4,6 Prozent | Cham Group | 2,3 Prozent | |
Holdigaz | 4,2 Prozent | Pilatus Bahnen | 2,3 Prozent | |
Neue Zürcher Zeitung | 3,9 Prozent | Stadtcasino Baden | 2,2 Prozent | |
Energie Zürichsee Linth | 3,8 Prozent | SSE Group | 2,2 Prozent | |
Espace Real Estate | 3,5 Prozent | SeeBeteiligungs AG | 2,1 Prozent | |
WWZ | 3,5 Prozent | Reishauer Beteiligungen | 2,1 Prozent | |
Auto AG | 3,1 Prozent | Rigi Bahnen | 2,0 Prozent | |
Acrevis Bank | 2,8 Prozent | Regiobank Solothurn | 1,9 Prozent | |
aventron | 2,8 Prozent | Weleda | 1,7 Prozent | |
Loeb | 2,8 Prozent | Alpha Rheintal Bank | 1,5 Prozent | |
Cendres & Métaux | 2,8 Prozent | Schweizer Zucker | 1,3 Prozent | |
Griesser Holding | 2,7 Prozent | SB Saanen Bank | 1,1 Prozent |
Quelle: Lienhardt & Partner, Stand, Montag, den 7. August 2024.
Positive Überraschungen bei Repower und Weleda
Lienhardt & Partner veröffentlichen jedes Jahr vor der Dividendensaison eine Liste der Dividendenperlen für ihre Kunden. Für die aktuelle Saison haben es Unternehmen wie Bobst Group, Neue Zürcher Zeitung, Holdigaz, EW Jona Rapperswil, Auto AG Holding, Espace Real Estate, Rapid Holding und Repower in die Auswahl geschafft.
«Diese Unternehmen verfügen über ein stabiles und profitables Geschäftsmodell, und einige Titel zeigen trotz ihres Nebenwertecharakters eine relativ hohe Kursvolatilität. Dies kann bei niedrigeren Kursen genutzt werden, um die Position auszubauen», argumentiert Spillmann. Es gab positive Überraschungen bei Repower und Weleda. Repower erhöhte die Dividende aufgrund eines hohen Sondergewinns um 3 auf 8 Franken. Weleda, ein Bestandteil des Turnaround-Portfolios von Lienhardt & Partner, hat viel früher als erwartet die Gewinnschwelle erreicht und daher wieder eine Dividende ausgeschüttet.
Holdigaz wird in den kommenden Wochen voraussichtlich die Dividende für das vergangene Geschäftsjahr bekanntgeben. Hier erwartet Spillmann eine Erhöhung auf 6,25 Franken pro Aktie. Aufgrund des hohen Verkaufsdrucks auf die WWZ-Aktie dürfte diese bei Dividendenjägern stärker in den Fokus rücken. Bei aktuellen Kursen kann mit einer Dividendenrendite von 3,5 Prozent gerechnet werden.
Kein regelmässiger Informationsfluss, Problem bei der Liquidität
Die an der Six kotierten Unternehmen veröffentlichen in der Regel vierteljährlich Berichte über ihren Geschäftsverlauf und generieren dadurch viele Nachrichten. Bei nichtkotierten Unternehmen fehlt dieser regelmässige Informationsfluss, da sie in der Regel nur einmal im Jahr ihre Finanzzahlen veröffentlichen. Aufgrund dieser Tatsache fehlen laut Spillmann die treibenden Kurstreiber. Es kann jedoch vorkommen, dass ein kotiertes Unternehmen positive Nachrichten veröffentlicht, was geschickte Investoren dazu veranlassen kann, nichtkotierte Unternehmen aus dem gleichen Sektor zu kaufen.
Anleger sollten sich auf grössere und bekannte Gesellschaften konzentrieren, die regelmässig gehandelt werden und deren Geschäftsberichte öffentlich zugänglich sind. Kleinere Werte eignen sich hingegen für Investoren, die einen speziellen Bezug zu einer Region oder einer Bergbahn haben. Ein häufig genanntes Problem ist die Liquidität, die in diesem Segment nicht immer gegeben ist. Deshalb sollten immer Limitorders verwendet werden, um den Kurs nicht unnötig in eine Richtung zu treiben und hohe Kursausschläge zu verursachen. Diese Limits können auch mit dem Kundenberater abgesichert werden.
3 Kommentare
Nebenwerte mit geringem Streubesitz und kleinem Handelsvolumen sind schon im SPI ein Problem (zB Asmallworld), OTC sind es Hochrisikopapiere. Im Prinzip kann man beim Kauf das Investment zu Hälfte abschreiben, weil das Risiko, das man die Titel nicht mehr verkauft bekommt, hoch ist (mal von noch schlimmeren abgesehen). D.h. selbst wenn die Titel noch werthaltig sind (Substanzwert), sind sie nicht liquidierbar. Das bedeutet, dass die Rendite über die Dividende kommen muss, weil eine Wertentwicklung nur auf dem Papier stattfindet (ein wunderbares Beispiel dafür, dass es eben immer noch einen erheblichen Unterschied macht, ob man nur auf dem Papier oder auch in der Realtität eine positive Performance erzielt). Und die Dividende muss daher erstmal das abzuschreibende Investment refinanzieren, bevor man überhaupt in the money kommt.
Unter diesen Voraussetzungen müssen die Dividindenrendite meiner Meinung nach bei > 10% liegen, damit ein halbwegs annehmbares Rendite-Risiko-Verhältnis entsteht. Wenn man das Investment mit 50% abschreibt, dann braucht eine 10% Dividende 5 Jahre, um den investment case erstmal wieder auf 0 zu bringen. Nach 10 Jahren hat man dann 5*10% effektive Rendite über die Dividende bezogen. Das sind dann 5% annualisiert. 5% bekommt aber auch im SMI bei der Swiss Re und der Zürich und damit mit einem viel tieferen Risiko. Auf nicht kotierte Nebenwerte zu setzen macht aus Rendite-Risiko-Sicht keine Sinn - man muss schon eine persönliche Bindung zum Unternehmen haben und es unterstützen wollen.
Übrigens: Die Kursnotierungen OTC bei den geringen Volumen sind sehr einfach manipulierbar, bei manchen Titeln müssen noch nicht mal 100 Anteile über den Tresen gehen, um einen gewünschten Kurs für ein paar Monate stehen zu lassen.
Brilliant, danke!
Absolute Zustimmung. Bei der Dividendenrendite sind aber noch Steuern und Kaufgebühren zu berücksichtigen, die vernünftige Mindestrendite müsste also sogar noch höher als 10% liegen. Wie bei Private Equity halte ich OTC-Nebenwerte für eine dieser Trendempfehlungen, bei der wohl nur die Bank gewinnt.