Die vorläufige Ausnahme von Arzneimitteln von den neuen US-Zöllen sorgt in der Pharmaindustrie zunächst für Aufatmen. Die Aktien von Pharmaunternehmen legten am Donnerstag in Europa und Asien zu. Insbesondere Aktien indischer Hersteller von Nachahmermedikamenten (Generika) stiegen stark. In Europa profitierten unter anderem die britischen Unternehmen GSK und AstraZeneca sowie der dänische Hersteller Novo Nordisk von der Nachricht. Doch die Erleichterung könnte nur von kurzer Dauer sein: Ein US-Regierungsvertreter erklärte, dass Präsident Donald Trump weitere Zölle auf Halbleiter, Pharmazeutika und möglicherweise wichtige Mineralien plant.
«Auch wenn Arzneimittel zum jetzigen Zeitpunkt von den allgemeinen Strafzöllen ausgenommen sind, gilt dies nicht automatisch auch für Vorleistungsgüter und den transatlantischen Handel», warnte der Verband der forschenden Pharmaunternehmen. «Zudem bleibt offen, ob Pharmazeutika möglicherweise später doch noch mit sektoralen Zöllen belegt werden könnten. Zölle auf Arzneimittel hätten erhebliche Folgen für die Patientenversorgung und den Wirtschaftsstandort.»
Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigte sich besorgt: «Zölle verteuern die Einfuhren in den US-Markt und führen zugleich vermutlich zu Kostensteigerungen im US-Gesundheitssystem – eine Lose-Lose-Situation, in der am Ende die Patienten die Verlierer wären», sagte BPI-Chef Oliver Kirst.
Trump hatte am Mittwoch beispiellose Zollerhöhungen auf US-Importe erlassen. Ab dem 5. April soll ein Basiszoll von zehn Prozent auf alle Einfuhren gelten. Zudem kündigte Trump höhere Zölle auf einige der grössten Handelspartner an, die am 9. April wirksam werden sollen. Für die EU sollen Zölle von 20 Prozent greifen.
Trump droht mit höheren Steuern
Einige Waren sind von den Massnahmen ausgenommen, darunter Pharmazeutika, Kupfer, Halbleiter, Holzprodukte, Gold, Energie und «bestimmte Mineralien, die in den USA nicht verfügbar sind», heisst es in einer Veröffentlichung des US-Präsidialamtes. Ob die Ausnahme für Arzneimittel dauerhaft gilt, ist keineswegs sicher.
In seiner Rede im Rosengarten des Weissen Hauses wies Trump darauf hin, dass pharmazeutische Unternehmen in den USA «wieder durchstarten» sollen und drohte mit hohen Steuern, falls sie dies nicht tun. Nach Einschätzung der Investmentbank RBC Capital Markets bleibt eine «robuste und widerstandsfähige, heimische Fertigung» in Bereichen wie der Pharmaindustrie ein Thema, das die Regierung im Blick behält.
Analysten der Barclays-Bank wiesen darauf hin, dass die Pharmaindustrie mit der Unsicherheit über die Zollpolitik leben müsse. «Das Einzige, was sicher ist, ist mehr Unsicherheit», sagte Analystin Emily Field. Ein Insider eines europäischen Pharmaunternehmens sagte: «Es ist nicht heute, aber es wird kommen.» Hinzu kommt, dass Zölle auf Vorprodukte wie organische Chemikalien und Glaswaren für die Pharmaherstellung wahrscheinlich Auswirkungen auf die Produktionskosten in den USA haben werden. Die Experten des Analysehauses Bernstein schätzen, dass sich die Importkosten für die Pharmaindustrie um 45 Milliarden Dollar erhöhen könnten.
Die USA sind der weltweit grösste Pharmamarkt und ein zentraler Handelspartner für Deutschland. 2023 gingen Arzneimittel im Wert von 26 Milliarden Euro - und damit ein Viertel der Branchenexporte - in die USA. Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten das wichtigste Zuliefererland für die Branche: Etwa zwölf Prozent der für die Medikamentenherstellung in Deutschland benötigten Vorprodukte stammen von dort.
(Reuters)