cash.ch: Herr Brem, die US-Regierung wird nun Zölle erheben, auch auf Importe aus der Schweiz. Sind diese Zölle aus Ihrer Sicht in Stein gemeisselt oder baut US-Präsident Donald Trump Verhandlungsmasse gegenüber den betroffenen Ländern auf?

Omar Brem: Es ist ja nicht wirklich nachvollziehbar, weshalb Schweizer Importe mit 31-prozentigen Zöllen belegt werden. Das deutet darauf hin, dass die Zölle einfach einmal ein Schuss sind und die USA schauen wollen, wie die verschiedenen Handelspartner reagieren. Es liegt im Interesse der USA, die Handelsschranken als Druckmittel zu nutzen. Hingegen kann die US-Regierung kein Interesse haben, den Bogen mit verheerenden Folgen für die Wirtschaft zu überspannen. Das Momentum hat jetzt schon nachgelassen, die Konsumenten sind zurückhaltender geworden.

Im Augenblick ist die Verunsicherung wegen der Zölle gross. Wie gut ist der als defensiv geltende Schweizer Markt dagegen aufgestellt?

Die Schweiz wird mit Zöllen von 31 Prozent sogar noch härter abgestraft als die EU und ist damit auf den ersten Blick besonders stark betroffen. Entscheidend ist jedoch, wie stark die Pharmaindustrie tangiert ist, welche für zwei Drittel aller Schweizer Exporte in die USA verantwortlich ist. Pharmaprodukte sind gemäss der Ankündigung von gestern bis jetzt von den reziproken Zöllen ausgenommen. Das ist die gute Nachricht.

Und die schlechte?

Die schlechte Nachricht ist, dass es die übrigen Branchen wie die Uhren- und Maschinenindustrie stark trifft. Die hohen Importzölle sind insgesamt ein herber Schlag für die Aussenhandelsbeziehungen mit den USA. Dass der Schweizer Markt defensiven Charakter hat, ist sicher hilfreich. Deswegen sollte der Schweizer Aktienmarkt weniger unter Druck gelangen als andere Märkte. Ob er tatsächlich outperformen wird, hängt aber auch von anderen, bisher ungelösten geopolitischen Fragen und der Entwicklung in Europa ab. Was man sagen kann: Large Caps sollten im aktuellen Umfeld weiterhin bevorzugt werden gegenüber den Small und Mid Caps.

Weshalb?

Wir sehen seit ein paar Jahren eine deutliche Outperformance der Large Caps gegenüber den Small und Mid Caps. Die Hoffnung war, dass die klein- und mittelkapitalisierten Unternehmen wieder zyklischen Aufwind bekommen. Doch diese Hoffnung schwindet nun, zumal die Konjunktursorgen wieder zugenommen haben - so, wie in früheren Phasen, etwa im Herbst 2018, als vor allem die Megacaps mehr oder weniger stabil geblieben sind und der restliche Index deutlich korrigierte.

Was bedeutet das nun konkret für die Schwergewichte des Swiss Market Index - Nestlé, Roche und Novartis?

Die Nestlé-Aktie hat sich in den letzten zwei Jahren schwach entwickelt und war ein klarer Underperformer gegenüber dem SPI. In jüngster Zeit hat sich die Aktie von einem sehr tiefen Niveau wieder etwas erholt. Nestlé produziert mit Ausnahme von Premiumwasser und Nespresso weitgehend lokal in den USA. Wir gehen davon aus, dass weniger als 3 Prozent des Konzernumsatzes betroffen wären. Dies hilft und sollte erlauben, den Umsatz zu halten und allfällige Mehrkosten weiterzugeben.

Gilt gleiches auch für Roche und Novartis?

Sowohl Novartis als auch Roche sind stark in den USA vertreten und erzielten im Jahr 2023 40 Prozent beziehungsweise 46 Prozent ihres Umsatzes in den USA, wobei rund 75 Prozent der Produkte auch vor Ort produziert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass die Pharmaindustrie nur von den 10-Prozent-Mindestzöllen betroffen sein wird, nicht aber von den je nach Land unterschiedlichen reziproken Zusatzzöllen. Die Auswirkungen auf die beiden Schweizer Pharmaunternehmen dürften daher ohne Anpassung der Lieferketten eher gering sein.

Was würde sich ergeben, wenn die USA aufgrund der Handels- und Wirtschaftspolitik ihrer Regierung in eine Rezession rutschen?

Niemand kann sich den Folgen einer schwachen US-Wirtschaft entziehen und die Finanzmärkte würden entsprechend heftig korrigieren. Das globale Sentiment würde ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden und zu deutlichen Verlusten an den globalen Aktienmärkten führen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch nicht klar, welche Titel am stärksten leiden würden. Klar ist nur: Wenn die USA grössere Probleme bekommen, spüren dies alle.

Inwieweit können Logistikfirmen wie Kühne+Nagel profitieren, da Zollschranken den Welthandel komplexer machen?

Die zunehmende Komplexität des Handels ist an sich positiv für die Logistiker. Denn je komplizierter es ist, Waren von A nach B zu transportieren, desto stärker werden die Dienstleistungen von Logistikdienstleistern nachgefragt. Wir gehen jedoch davon aus, dass das negative Sentiment und die zurückhaltende Konsumentenstimmung in den USA zu einem Rückgang des Handelsvolumens führen werden. Aus heutiger Sicht wird der Volumenrückgang überwiegen und ein negativer Nettoeffekt resultieren.

Wie schätzen Sie die Perspektiven für Finanztitel wie die UBS ein? Die Bank hat ja auch Ambitionen in den USA.

Die Finanztitel werden die indirekten Auswirkungen der Zölle zu spüren bekommen. Grundsätzlich ist die UBS mit dem Wealth Management und dem Investment Banking in den USA präsent. Eine negative Entwicklung der US-Wirtschaft hätte daher mehrere negative Auswirkungen: Die schwächeren Finanzmärkte mit tieferen Bewertungen reduzieren die verwalteten Vermögen, der Neugeldzufluss würde sich verringern, die Zurückhaltung der Investoren würde sich in tieferen Handelsumsätzen niederschlagen und die geringere Transaktionsaktivität würde das ECM-Geschäft der UBS deutlich negativ beeinflussen.

Welche Prognose haben Sie für das Dollar-Franken-Währungspaar?

Die Schweizer Währung würde wiederum stärker. Das hat sich schon jetzt gezeigt. Denn die Währung spiegelt das Vertrauen oder eben das Misstrauen gegenüber den jeweiligen Ländern. Gegenüber den USA nimmt das Misstrauen rasch und deutlich zu. Das reflektiert sich auch in den Devisen, sodass sich der Dollar zum Franken weiter abschwächen dürfte.

Omar Brem leitet seit September 2020 das Research der Zürcher Kantonalbank. Zuvor war er als Investment Manager bei Pictet tätig. Brem hat Banking & Finance an der Universität Zürich und am Imperial College in London studiert, 2014 schloss er mit einem Master-Titel ab.

 

 

Reto Zanettin
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