Wenn der Zinsgipfel der Europäischen Zentralbank erreicht ist, wollen die Währungshüter ihn zur Eindämmung der Inflation für längere Zeit beibehalten. Volkswirte zeigen sich von diesem erklärten Vorhaben nicht überzeugt - sie rechnen schon nach sechs Monaten mit der ersten Zinssenkung. Das zeigt die neueste Bloomberg-Umfrage unter Ökonomen.
Eine knappe Mehrheit der befragten Experten erwartet im September eine letzte Anhebung des Einlagensatzes auf 4 Prozent. Ab März soll es mit den Zinsen demnach wieder abwärts gehen. Mit längerem Zeithorizont wächst die Unsicherheit — für Ende 2024 liegen die Schätzungen zwischen 2 Prozent und 4 Prozent.
Mit 25 Basispunkten wird gerechnet
Für die EZB-Zinsentscheidung in der nächsten Woche rechnen die Volkswirte einhellig mit einem Zinsschritt um 25 Basispunkte.
Die Bandbreite der Zinsprognosen verdeutlicht die Schwierigkeiten, vorherzusagen, wann die Inflation auf das EZB-Zielniveau von 2 Prozent zurückkehren wird. Derzeit liegt die Teuerung bei 5,5 Prozent. Im letzten Herbst betrug sie über 10 Prozent. Parallel zum hartnäckigen Preisdruck hat sich die Konjunktur in der Eurozone eingetrübt. Wann die Zinserhöhungen um 400 Basispunkte seit letztem Juli voll auf die Wirtschaft durchschlagen werden, ist freilich unsicher.
"Die EZB wird einen Grund finden müssen, die Zinserhöhungen in naher Zukunft zu stoppen und gleichzeitig eine glaubwürdige Tendenz zur Straffung beizubehalten", erklärte Kristian Tödtmann von der Dekabank. Der Ökonom geht davon aus, dass die Zinsen in diesem Monat ihren Maximalwert im Zyklus erreichen und bis nächsten September dort bleiben werden. "Das Risiko besteht darin, dass die Märkte eine solche Pause als Zeichen dafür interpretieren, dass Zinssenkungen bereits bevorstehen."
Auf der Pressekonferenz nach der EZB-Zinsentscheidung am nächsten Donnerstag wird Präsidentin Christine Lagarde aller Voraussicht nach versuchen, Diskussionen über eine baldige Zinssenkung einen Dämpfer zu verpassen. Das Mantra dürfte lauten, die Zinsen länger restriktiv zu halten. Die Euroraum-Zahlen für die Inflation im Juni sind gerade nach oben revidiert worden.
- Die Sicht von Bloomberg Economics: "Wir erwarten von Lagarde nicht viel Guidance dazu, wann eine Straffungspause kommt. Für sie dürfte die klare Botschaft im Fokus stehen, dass baldige Zinssenkungen von der EZB nicht zu erwarten sind"
Inflation als das grösste Risiko
Ökonomen halten die Inflation nach wie vor für das grösste Risiko für die Wirtschaft des Euroraums. An zweiter Stelle stehen inzwischen nicht mehr die Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine sondern andere politische Belastungseffekte. Bei der Federal Reserve erwarten Volkswirte nächste Woche die finalen Zinserhöhung im Straffungszyklus. Bereits für das Frühjahr wetten Händler auf eine erste US-Zinssenkung.
Gleichwohl haben die Befragten Vertrauen in die Fähigkeit der EZB, das richtige Mass an Straffung zu finden, um die Inflation einzudämmen, ohne die Wirtschaft in den Abgrund zu reissen. Mehr als zwei Drittel sind davon überzeugt, dass Frankfurt nicht zu weit gehen wird, und neun von zehn Befragten sind der Meinung, dass die Zinserhöhung nicht zu früh beendet wird.
Die EZB hat im vergangenen Monat ihre Inflationsprognosen für den Zeitraum bis 2025 angehoben und erklärt, dass die Aussichten nach wie vor "äusserst unsicher" seien. Nahezu alle 26 Mitglieder des EZB-Rats haben sich seitdem geäussert — ein Hinweis auf die wachsende Divergenz zwischen denjenigen, die sich fragen, ob sie bereits genug getan haben, und denjenigen, die eine weitere Anhebung in Erwägung ziehen.
Kompromiss wird schwieriger
Die Meinungsverschiedenheiten werden das Erreichen eines Kompromisses erschweren. Dem Vernehmen nach sehen die Ratsmitglieder die grösste Hürde darin, den richtigen Ton zu treffen und ihre Absichten zu verkünden.
"Die Juli-Sitzung ist ein Kinderspiel: Man hebt die Zinsen um 25 Basispunkte an und hält sich die Tür für eine weitere Zinserhöhung im September weit offen, ohne einen Hinweis darauf zu geben, wann und wo der Endsatz erreicht wird", so Carsten Brzeski von ING. "Die einzige Herausforderung besteht also vielleicht darin, sich an einen Evergreen zu halten: Schweigen ist Gold."
(Bloomberg)
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"Hohe und anhaltende Haushaltsdefizite werden die Inflation verfestigen und die langfristigen realen Renditen von Aktien und Anleihen dezimieren, während sie gleichzeitig die langfristige Underperformance von Sachwerten umkehren.
Der Leviathan ist zurück. Nach den Jahren der fiskalischen Zurückhaltung nach der globalen Finanzkrise weisen die Regierungen auf der ganzen Welt nun anhaltend höhere Defizite auf. Dies ist
ein grundlegender Wandel und bedeutet ein deutlich anderes Anlageumfeld.
Der Fed-Put war ein Backstop für Finanzanlagen. Aber das Finanzministerium ist ein anderes Biest.
Vermögenswerte können zwar eine positive nominale Rendite erzielen, aber real dürften sie sich schlecht entwickeln. Sachwerte sind nach 60 Jahren schrecklicher Underperformance bereit, endlich Aktien und Anleihen zu übertreffen."
Der Treasury Put wird das Investieren auf den Kopf stellen
VON TYLER DURDEN DONNERSTAG,20. JULI2023-02:20
Verfasst von Simon White, Makrostratege bei Bloomberg,