Laut einer internen Prognose des Finanzministeriums droht das Bruttoinlandsprodukt von Russland in diesem Jahr um bis zu zwölf Prozent zu schrumpfen. Eine offizielle Schätzung zur diesjährigen Konjunkturentwicklung hat die Regierung noch nicht vorgelegt. Das Wirtschaftsministerium in Moskau geht, wie zu hören ist, nur von einer Schrumpfung um acht Prozent aus. 

Das Finanzministerium erklärte am Dienstag, der Bericht über die Prognose sei unzutreffend. "Die Erstellung offizieller makroökonomischer Prognosen fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich des Finanzministeriums", hiess es in einer Stellungnahme. Das Ministerium gehe davon aus, "dass die von der Regierung und der Bank von Russland ergriffenen Massnahmen die negativen Folgen der Sanktionen weitgehend abmildern und eine stabile wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten" werden.

Rezession wie in den frühen 1990er Jahren

Die in der internen Schätzung des Finanzministeriums genannte Zahl würde den wirtschaftlichen Schaden auf eine Stufe mit den Turbulenzen stellen, die es in den frühen 1990er Jahre gab. Damals taumelte Russlands Wirtschaft aus der Sowjetära in Richtung Kapitalismus - mit einer seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebten Rezession.

"Die wichtigsten Negativfaktoren sind das Ölembargo, der Verzicht der EU auf russisches Gas sowie der verstärkte Abzug ausländischer Unternehmen", sagte Natalia Lawrowa, Chefvolkswirtin der BCS Financial Group in Moskau. "All das wird sich wohl allmählich entwickeln

Ein Jahrzehnt Wirtschaftswachstum verloren

Das Finanzministerium ist auch pessimistischer als die Notenbank, die die Schrumpfung in diesem Jahr auf 8 Prozent bis 10 Prozent taxiert. Der Internationale Währungsfonds erwartet einen Rückgang von 8,5 Prozent. Eine Bloomberg-Umfrage unter Ökonomen ergab als Medianerwartung einen Einbruch von 10,3 Prozent.

Sollte sich die Vorhersage des Finanzministeriums als zutreffend erweisen, würde nach Angaben einer mit den Prognosen vertrauten Person etwa ein Jahrzehnt Wirtschaftswachstum verloren gehen.

Die Unsicherheit über die Konjunkturaussichten ist nach wie vor sehr gross, da der Krieg weitergeht und die USA und ihre Verbündeten weitere Sanktionen planen. Die Pressestellen des Finanz- und des Wirtschaftsministeriums reagierten nicht sofort auf Bitten um Stellungnahme.

(Bloomberg)