Hermann Strittmatter

Kolumne

Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich

Ein kleines Dorf in Gallien

Die Schweiz ist Weltmeisterin im Nichtwahrhabenwollen. Noch im letzten Winter schrieb mir die Bank: «Wir sind erleichtert, dass nach den Interventionen der Notenbanken eine Eskalation der
Systemkrise und das Szenario einer wirtschaftlichen Depression abgewendet werden konnte.» Und die Weltwoche titelseitete: «La crise n’existe pas.»

Vor ein paar Tagen hiess es, nach einem Telefon zwischen Merz und Schäuble sei man sich einig gewesen. Hurra! Ja worüber denn? Dass man zum Thema Datenklau verschiedene  Rechtsauffassungen habe. Haha. Nach der Minarettabstimmung liessen die Vox-Analysten lauthals verkünden, es stimme nicht, dass linke Frauen ja gestimmt hätten. Dabei hatte das ja niemand ernsthaft behauptet.

Nach den Ausschreitungen von gestern Abend im Gefolge eines FCZ-Heimspiels meinte der Quartalsplauderi Cortesi von der Zürcher Stadtpolizei zum hundertsten Mal, man sei von der Gewaltbereitschaft der Randalierer überrascht worden.

Und wenn dann mal eine kritische Situation zugegeben wird, heisst es vielleicht: «Wir haben das Problem erkannt und arbeiten mit Hochdruck daran. Aber das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Wir warten die Details der Untersuchung ab, überlegen uns aber schon heute den möglichen Einsatz einer Taskforce.» Womit gesagt ist, dass nichts passieren wird.

Sagt mal, spinnt Ihr eigentlich alle, wollt Ihr uns jetzt jeden Tag verarschen?

Zum Glück gibt es in diesem trüben Meer der schönfärberischen Verlogenheit eine Insel des erfrischenden, selbstironischen Humors, und das seit 1780: Unsere NZZ mit ihrem Wirtschaftsredaktor Schwarz. Nachdem die offizielle Schweiz das hehlerische Bankgeheimnis für ausländische Schwarzgelder während Jahrzehnten mit dem obszönen Unterschied zwischen Hinterziehung und Betrug gerechtfertigt sah, hat Herr Schwarz jetzt den strafrechtlichen Beweis: Die Unterscheidung sei wichtig und richtig, es gehörten beide bestraft, «aber es gilt, den Unterschied an krimineller Energie zu berücksichtigen.» Und: «In den eigenen (!?) Angelegenheiten sollte die Schweiz trotz Einschüchterungsversuchen ohnehin wie das kleine Dorf in Gallien gegenüber den Römern die Souveränität aufbringen, das zu tun, was ihr richtig scheint.»

Genau, so machen’s wir doch. Und der Bundesrat aus dem kleinen Dorf im Appenzellerland ernennen wir zum Druiden, der uns mit ein paar fröhlichen Kräutlein nur noch den dazu passenden Zaubertrank mixt.